Soziale Verantwortung

Die Katholische Soziallehre und die christlich-soziale Bewegung haben in Deutschland eine lange Tradition. Ihnen geht es um eine gerechte und menschenwürdige Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Ein Obdachloser sitzt, zusammengekauert auf dem Boden an einen Pfeiler gelehnt, in der Fußgängerzone. Vor ihm steht eine Blechdose. Sozialinitiative_170302-93-000141.jpg
© KNA
Armut in Deutschland: Ein Obdachloser sitzt zusammengekauert in einer Fußgängerzone.

Die Wahrnehmung sozialer Verantwortung bedingt die Ausrichtung des Handelns am Ziel des Gemeinwohls als Wohl aller Menschen. Hier kommt zum Ausdruck, dass das Gemeinwohl einer Gesellschaft kein Selbstzweck ist, sondern seinen Wert dadurch gewinnt, dass es der Verwirklichung der menschlichen Güter dient. Denn letztlich ist der Mensch Träger, Schöpfer und das Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen. Mit diesem Grundsatz ist zugleich der Maßstab der sozialen Verantwortung bestimmt, nämlich der Schutz der unantastbaren Würde der menschlichen Person.

Die soziale Verantwortung der Kirche lässt sich als ein Dreiklang unterschiedlichster Akteure beschreiben, die in wechselseitiger Verbundenheit aufeinander verwiesen sind. An erster Stelle sind hier die lehramtlichen Äußerungen zu benennen, insbesondere die von den Päpsten veröffentlichten Sozialenzykliken. Als „Magna Charta christlicher Sozialarbeit“ hat die erste Sozialenzyklika Rerum novarum, die 1891 vor dem Hintergrund der sozialen Frage von Papst Leo XIII. veröffentlicht wurde, ein neues Kapitel kirchlicher Weltverantwortung eröffnet. Seither sind sowohl von den Päpsten als auch von den einzelnen Bischofskonferenzen eine ganze Reihe von Wortmeldungen zu sozialen und gesellschaftliche Fragen publiziert worden. Zuletzt hat Papst Franziskus mit seiner 2015 veröffentlichten Enzyklika Laudato siʼ die Reihe der päpstlichen Sozialverkündigung fortgeführt und insbesondere auf den engen Zusammenhang von sozialer und ökologischer Frage verwiesen.

Als zweite Säule der sozialen Verantwortung der Kirche lässt sich die wissenschaftliche Analyse sozialer und politischer Problemlagen bestimmen. Damit ist die Aufgabe der sozialethischen Reflexion benannt, die aufgrund der Breite der gesellschaftspolitischen Herausforderungen heute notwendigerweise einer interdisziplinären  Ausrichtung bedarf.

Schließlich kann man den Kreis derer, die die soziale Verantwortung der Kirche tragen, noch weiter fassen und als dritte Säule das ganze Volk Gottes in den Blick nehmen, das in gemeinschaftlicher Verbundenheit an diesem kirchlichen Auftrag partizipiert. Papst Paul VI. verweist im Apostolischen Schreiben Octogesima adveniens eigens auf die „christlichen Gemeinschaften“ vor Ort, denen es obliegt, „mit dem Beistand des Heiligen Geistes, in Verbundenheit mit ihren zuständigen Bischöfen und im Gespräch mit den anderen christlichen Brüdern und allen Menschen guten Willens darüber zu befinden, welche Schritte zu tun und welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Reformen herbeizuführen, die sich als wirklich geboten erweisen“. Mit diesen Worten des Papstes wird ausdrücklich die Einladung zur ökumenischen Wahrnehmung der sozialen Verantwortung ausgesprochen. Im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz wurde diese Möglichkeit erstmals 1997 mit der Erarbeitung des gemeinsamen Wortes der Kirchen zur wirtschaftlichen Lage in Deutschland verwirklicht („Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“).

Fortsetzung fand dieses Engagement von katholischer und evangelischer Kirche 2014 in der Ökumenischen Sozialinitiative, deren Text unter dem Titel „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ veröffentlicht wurde.

Mehr lesen
  • Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft.
    Initiative des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung. Gemeinsame Texte Nr. 22 (Bonn/Hannover 2014)

    17 Jahre nach der Veröffentlichung des „Wortes zur wirtschaftlichen und sozialen Lage. Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ haben der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz mit der Veröffentlichung dieses Textes eine Sozialinitiative für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung gestartet.
  • Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft.
    Dokumentation der Diskussionsphase und Gemeinsame Feststellung zur Ökumenischen Sozialinitiative. Gemeinsame Texte Nr. 23 (Bonn/Hannover 2016)

    Mit einer Gemeinsamen Feststellung, die am 2. Oktober 2015 in Berlin vorgestellt wurde, ist die am 28. Februar 2014 begonnene Ökumenische Sozialinitiative zum Abschluss gekommen. Neben dieser Feststellung dokumentiert diese Publikation auch die Diskussionsphase der Sozialinitiative.
  • Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit.
    Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland. Gemeinsame Texte Nr. 9. (Bonn/Hannover 1997)

    Geleitet und ermutigt durch das christliche Verständnis vom Menschen, durch die biblische Botschaft und die christliche Sozialethik wollen die Kirchen ihren Beitrag zu einer notwendigen Neuorientierung der Gesellschaft und Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft leisten. Ihr Anliegen ist es, zu einer Verständigung über die Grundlagen und Perspektiven einer menschenwürdigen, freien, gerechten und solidarischen Ordnung von Staat und Gesellschaft beizutragen und dadurch eine gemeinsame Anstrengung für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit möglich zu machen.

Handlungsfeld: Caritas

Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung bedeutet auch sorgende Hinwendung zum Nächsten. Diese Nächstenliebe, die Caritas, ist gemeinsam mit der Gottesliebe Kern des christlichen Glaubens (Mk 12,29–31). Dieser sozial-caritative Dienst an den Menschen ist einer der Grundvollzüge der Kirche. Der Dienst steht grundsätzlich jedem Menschen in Not offen, unabhängig von dessen ethnischem, nationalem, religiösem oder sozialem Hintergrund. Die sozialen Dienste und Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft, die sich maßgeblich dieser Aufgabe widmen, sind in Deutschland zusammengefasst im Deutschen Caritasverband (DCV), der 1897 gegründet wurde. Er verbindet heute über 6.000 eigenständige Träger mit zusammen mehr als 600.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und rund 500.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern.

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Handlungsfeld: Flüchtlingshilfe

Ein wichtiges Handlungsfeld der sozialen Verantwortung der katholischen Kirche ist auch die Flüchtlingshilfe. Auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens in Deutschland gibt es ein großes Engagement für die seelischen und materiellen Bedürfnisse schutzsuchender Menschen. Geprägt wird diese Arbeit durch ein gutes Zusammenwirken von Haupt- und Ehrenamtlichen sowie ein starkes ökumenisches Miteinander. Gerade weil der Kirche das gesamtgesellschaftliche Wohl am Herzen liegt, will sie dazu beitragen, dass Herausforderungen durch Flucht und Migration im Geist der Solidarität und Mitmenschlichkeit bewältigt werden können.

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